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Hol dir den Vertikal-Flow in der Kletterhalle!

Was uns Bouldern und Toprope Klettern über den Moment gelehrt haben.

Normalerweise stehen wir mit beiden Beinen fest am Boden. Und doch: Unterwegs auf der Gedanken-Autobahn entgleitet uns Moment für Moment. So rasant, dass es schwer fällt die Pause-Taste zu drücken. Es gibt sie aber, die Menschen die einen entspannten Eindruck machen, das Leben offenbar leichter nehmen. Unter Bergsteigern und Kletterern findet man besonders viele davon. Grund genug, sich unter die Vertikalakrobaten zu begeben und Sportklettern zu probieren. Das Resultat: Nach mehreren Stunden Bouldern und Toprope Klettern in der Saalfeldner Kletterhalle Felsenfest sind wir um eine Flow-Erfahrung reicher.

Es ist später Nachmittag, im Hintergrund leuchten die Salzburger Berge, angestrahlt von der untergehenden Herbstsonne. Wir wandern gerne, in dieser Bergwelt. Aber klettern? Lieber doch erstmal in einer Indoor-Kletterhalle.

Kletter-Guide Georg wartet schon entspannt auf seine beiden blutigen Anfänger, die keine Ahnung haben was sie erwartet. Deswegen beginnt er erstmal mit den Basics – und organisiert uns geeignete Kletterschuhe, die für Grip und Flexibilität sorgen.

„Wenn ihr einmal Kletterschuhe kauft, lasst euch keine zu kleinen Schuhe einreden. Viele Händler meinen heute noch der Schuh ist genau richtig, wenn er euch so richtig drückt.“

Georg gibt uns die perfekte Größe, die Schuhe sind auch nach Stunden noch bequem. Danach hilft er uns in den Klettergurt, zeigt uns wo vorne und hinten ist.

Die Kletter-Basics

Und dann geht’s los. Aber nicht mit Klettern, sondern mit Grundlagen. Georg führt uns durch die Halle und erklärt die Unterschiede zwischen Bouldern, Toprope und Vorstieg Klettern.

  • Bouldern: Es wird auf niedrigen Wänden geklettert, ohne Sicherung – dafür mit dicker Matte (Crashpad) am Boden. Für Anfänger gleichermaßen ideal, wie für erfahrene Kletter die alleine in der Halle unterwegs sind und ihre Technik verfeinern wollen
  • Toprope: Wie der Name schon sagt, hängt das Sicherungsseil oben in einer Umlenkung. Der Partner steht am Boden und führt das Seil. Neben dem Bouldern ist das die sicherste Art zu klettern – und die erste, die man im Kletterkurs lernt.
  • Vorstieg: Im Gegensatz zu Toprope erfolgt die Seilführung von unten. Das Seil wird vom Kletternden laufend in neue Zwischensicherungen eingehängt. Am Boden steht wie gewohnt ein Partner, der das Sicherungsseil führt. Durch diese Art der Sicherung ist die Fallhöhe größer und damit auch das Risiko.

Bevor uns Georg in die Boulder-Wand lässt, müssen wir aufwärmen. Fingerkreisen, Handgelenke bewegen, Arme und Schultern mobilisieren. Und dann beginnt das Lernen.

Bouldern in der Kletterhalle

Wir stehen vor der Boulderfläche, vor uns viele bunte Griffe. Manche in freundlichem Gelb (=niedriger Schwierigkeitsgrad) mit feiner Griffschale. Manche erschreckend winzig, die Farbe (Violett) daher entsprechend abschreckend. Georg hüpft zwischen den Griffen herum und zeigt uns, was wir alles falsch machen können – und werden. Danach bekommen wir einen Technik-Crashkurs vom Feinsten.

„Es geht um die Technik und ums Mentale – erst dann kommt die Kraft“

Wir sollen greifen als würden wir Watte berühren, kleine Schritte machen, Kraft sparen. Leichter gesagt als getan.

Hier die Boulder-Basics im Überblick:

  1. Wie viele Gliedmaßen haben wir? Ja genau: Vier. Und die sind auch alle einzusetzen (klingt sehr einfach, ist tatsächlich sehr schwierig).
  2. Die Arme sollten bevorzugt gestreckt sein, um Kraft zu sparen. Hochziehen mit den Armen ist nur erlaubt, wenn es nicht anders geht.
  3. Bleiben noch die Beine. Und Beinarbeit ist beim Klettern unermesslich wichtig. Die Arme „befestigen“ den Körper, die Beine besorgen alles, wofür Kraft notwendig ist. Die Füße sind immer mit Zeh und Großzehballenballen zu platzieren.
  4. Der restliche Körper? Bleibt so nah wie möglich an der Wand. Wer frontal hochklettert, sollte speziell den Hüftbereich so nah wie möglich an der Kletterwand halten. Steigt der Schwierigkeitsgrad, kann es passieren, dass seitwärts zu steigen ist. Aber auch hier gilt: eine Hüfte an die Wand.

Hat da jemand Überhang gesagt?

Wir kämpfen uns tapfer durch die Kletterrouten, die Georg uns vorgibt. An der letzten Route hängt die Wand uns entgegen und das Crashpad sieht aus vier Metern Höhe ziemlich bedrohlich aus. 100% fokussiert gelingt es uns beiden, die Hürde zu überwinden. Als wir wieder am Boden stehen merken wir, dass es „da oben“ (schon klar, sind nur vier Meter) wenig Platz für Gedanken gibt. Klettern katapultiert dich unweigerlich ins Hier und Jetzt.

Georg meint dazu: „Das ist kein Vergleich mit Ausdauersportarten wie Laufen oder Rad fahren. Dort verarbeitest du deine Probleme indem du nachdenkst. Beim Klettern kannst du komplett abschalten. Da gibt es nur den nächsten Schritt.“

Hoch hinaus: Toprope Klettern

Die Boulder-Challenge liegt hinter uns. Die Arme zittern leicht – kein Wunder, bei der nicht vorhandenen Technik. Offenbar hat das mit den gestreckten Armen und der Beinarbeit noch nicht ganz so gut geklappt wie gewünscht. Aber Georg lässt nicht locker. Plötzlich stehen wir vor einer Wand die gut und gerne 10 Meter hoch ist. Ohne Crashpad, dafür mit Sicherungsseil. Das ist also Toprope.

„Jetzt wisst ihr, warum Klettern ein Partnersport ist.“ Was wir auch wissen ist, dass man sich da wirklich gut auf seinen Partner verlassen können muss. Wir bekommen eine Einweisung in die Sicherungstechnik und probieren nach dem Partnercheck die Wand. Die Route ist einfach, die Höhe von oben betrachtet enorm. Aber langsam beginnt die Sache so richtig Spaß zu machen. Kleine Schritte, Griffe berühren wie Watte. Rhythmus.

„Das Spezielle am Klettern ist, dass dich der richtige Rhythmus in einen Flow bringt. Du bist enorm konzentriert und denkst an nichts anderes.“

Georg weiß wovon er spricht. Er zeigt uns eine neue Wand, diesmal mit einem speziellen Sicherungsseil, dass auch eine Klettersession ohne Partner erlaubt. Er probiert selbst eine Route: immens schnell, aber mit erkennbarem Rhythmus.

Klettern für die Gesundheit

Klettern ist also gesund für die Seele und macht erwiesenermaßen (wurde schon erwähnt, dass wir das sofort wieder machen wollten?) glücklich.

Aber was ist mit den körperlichen Aspekten?

  • Trainiert wird immer mit dem eigenen Körpergewicht – definitiv gesund
  • die Bewegungsform ist äußerst natürlich und damit schonend für den Körper
  • Klettern wird auch therapeutisch eingesetzt – speziell bei Menschen mit Wirbelsäulenproblemen und rheumatischen Beschwerden
  • Die Stabilität im Rumpfbereich wird gesteigert, die gesamte Muskulatur gestärkt. Bei Menschen in sitzenden Berufen ein großes Plus
  • Klettern eignet sich als ganzheitliche Trainingsmethode, mit Auswirkungen auf den ganzen Körper
  • Reaktions- und Konzentrationsfähgkeit werden gleichermaßen geschult wie motorische Aspekte

Das Verletzungsrisiko beim Klettern ist dann überschaubar, wenn man im Rahmen der eigenen Fähigkeiten klettert und sorgsam sichert. Überschätzung ist – wie bei vielen anderen Sportarten auch – fehl am Platz und größte Gefahrenquelle.

Glücklich geklettert

Wir haben anstrengende zweieinhalb Stunden hinter uns, als wir die Kletterschuhe ausziehen und den Gurt ablegen. Der Blick in unsere Gesichter spricht Bände, wir strahlen. Gerechnet haben wir mit einer gesunden, fordernden Sportart, die wir immer schon ausprobieren wollten. Bekommen haben wir einen enormen Endorphinschub – und das nicht nur wegen der steilen Lernkurve, die uns in kürzester Zeit von blutigen Anfängern in Vertikalakrobaten verwandelt hat. Naja, vielleicht fehlt dorthin noch ein kleines Stückchen, aber der demnächst anstehende Kletterkurs wird’s richten.

Die Kletterhalle Felsenfest in Saalfelden ist die größte Kletterhalle in Salzburg. Dort könnt ihr sowohl Indoor als auch Outdoor klettern und habt dafür über 1.700qm Fläche zur Verfügung. Wir waren auf Einladung von Saalfelden Leogang Tourismus in der Region unterwegs – vielen Dank dafür. Unsere Meinung bleibt wie immer unsere eigene.

Ein Kommentar

Antworten
  1. Schöner Bericht mit ein paar guten Tipps 🙂 Das mit den Kletterschuhen ist allerdings in der Tat irgendwie nicht so einfach – in den meisten Fachgeschäften arbeiten halt Langzeitkletterer, die einem superenge Schuhe einreden wollen. Ob das für den Anfang allerdings tatsächlich ratsam ist, wage ich zu bezweifeln…

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